Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr

Was Max Frisch vor 50 Jahren über unsere Ängste vor den Fremden schrieb, ist heute noch verblüffend aktuell.
von 

Erschienen ist der Text erstmals 1965, also vor anderthalb Generationen, als Vorwort zu Siamo Italiani, einem Buch über die Italiener in der Schweiz.

Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen. Sie fressen den Wohlstand nicht auf, im Gegenteil, sie sind für den Wohlstand unerlässlich.

Ja, sie fressen mit ihrem Wohlstand so viel wie wir. Und pendeln so viel und fahren so viel wie wir. So viel, dass sogar SVP-Nationalräte im Zug von Bern nach Zürich stehen müssen. Und sich darüber auf Twitter beklagen.

Aber sie sind da. Gastarbeiter oder Fremdarbeiter? Ich bin fürs letztere: sie sind keine Gäste, die man bedient, um an ihnen zu verdienen; sie arbeiten.

Und dies nicht zu knapp. Sie sind fleißig und strebsam, ja, manche von ihnen sind sogar fleißiger als wir, die den Fleiß doch erfunden haben. Sie überflügeln uns und stehen plötzlich über uns. Sie sind unsere Chefs. Doch:

Sie sprechen eine andere Sprache. Auch das kann man ihnen nicht übel nehmen, zumal die Sprache, die sie sprechen, zu den vier Landessprachen gehört. Aber das erschwert vieles.

Sie sprechen nicht Mundart. Sie sprechen in dieser Sprache, in der wir zwar schreiben und lesen lernen, die wir uns aber so mühsam erarbeiten mussten. Und sie sprechen sie geschliffen und schnell und zackig. Wollen wir ihnen Paroli bieten, holpert und stockt es, kein Ruck-zuck, Zack-zack. Immer klebt dieser Dialekt an unseren Lippen.

Sie beschweren sich über menschenunwürdige Unterkünfte, verbunden mit Wucher, und sind überhaupt nicht begeistert.

Sie klagen über die hohen Mieten, den Kaffee für fünf Franken, das Bier für sechs. Über das Mittagsmenü, das hier doppelt so viel kostet wie bei ihnen zu Hause, über das Bahnbillet, das sie in den Ruin treibt. Doch am Ende des Monats, wenn pünktlich am 25. ihr Lohn überwiesen wird, realisieren sie, dass sie sich die große Wohnung tatsächlich leisten können.

Wäre das kleine Herrenvolk nicht bei sich selbst berühmt für seine Humanität und Toleranz und so weiter, der Umgang mit den fremden Arbeitskräften wäre leichter; man könnte sie in ordentlichen Lagern unterbringen, wo sie auch singen dürften, und sie würden nicht das Straßenbild überfremden. Aber das geht nicht; sie sind keine Gefangenen, nicht einmal Flüchtlinge.

Sie dürfen tun und lassen, was sie wollen, kommen und gehen, wann sie wollen. Ohne Visum, ohne Pass, nur mit einem gültigen Arbeitsvertrag und einer Identitätskarte.

So stehen sie denn in den Läden und kaufen, und wenn sie einen Arbeitsunfall haben oder krank werden, liegen sie auch noch in den Krankenhäusern.

Würden sie in den Krankenhäusern doch nur liegen und siechen. Aber sie arbeiten dort, sie bitten uns in die Sprechstunde, reden mit uns in dieser fremden Sprache über das Intimste, unsere Gesundheit. Sie schieben uns in die Röhre, sie zapfen unser Blut. Sie pflegen uns. Man fühlt sich überfremdet.

Hier der gesamte Artikel: Volksabstimmung in der Schweiz zu | ZEIT ONLINE.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s